Sonja Fuss
Foto:BONGARTS/Martin Rose
Sonja Fuss : Nein. Ich bin von der Leistung der Franzosen enttäuscht. Sie haben die Schweizer unterschätzt und nicht das Engagement an den Tag gelegt, das ein amtierender Europameister hätte bieten sollen um dieses Spiel zu gewinnen.
Zeit.de : Kommt man mit einer solchen Spielweise durchs Viertelfinale?
Fuss : Die Franzosen haben alle weit unter ihren Möglichkeiten gespielt. Der einzige Lichtblick war Thierry Henry, als bei dem endlich der Knoten platzte und er die zwei Tore machte. Ich glaube aber je weiter sich die Franzosen in dem Turnier nach vorne spielen, desto stärker werden sie sein. Wenn sie mehr gefordert werden, wird ihnen auch bewusst, dass sie mehr bringen müssen als nur den Ball am Füßchen zu halten: sie müssen enger, schneller nach vorne und aggressiver spielen als heute.
Zeit.de : Was kann den Henry dafür tun, dass in Zukunft der Knoten früher platzt als in der 75. Minute?
Fuss : Henry hat in dieser Saison in England 30 Tore geschossen und ist zum besten europäischen Torschützen ausgezeichnet worden. Es liegt nicht an ihm, das Spiel besser zu machen - aber er braucht viel Platz um schnell über außen zu kommen. Diesen Platz hatte er nicht.
Zeit.de : Man hört oft, dass Frankreich noch durch die Blamage 2002 blockiert ist. Was ist ihre Meinung dazu?
Fuss : Mag sein. Aber wir haben es hier auch mit Profis zu tun, die wissen, worum es geht. Sie spielen in den höchsten Ligen der Welt um sehr viel Geld, da dürfte ein Ausscheiden aus der WM nicht so tief sitzen. Die wissen alle sehr genau, was sie können und was nicht, und auch, dass sie eine der besten Mannschaften der Welt stellen.
Zeit.de : Was können die Franzosen an ihrer Defensive verbessern?
Fuss : Großer Schwachpunkt der Defensive war Silvestre. Er verschuldet mit seinem Fehlpass das 1:1 und hatte einige Stellungsfehler. Die Abstände sind zu groß, sowohl untereinander als auch zu den Gegenspielern. Die Schweizer hatten heute genug Platz im Mittelfeld um die Bälle anzunehmen, sich zu drehen und die Bälle wieder zu spielen. Teilweise sah es so aus, als trügen die Spieler Gewichte an den Beinen, so wenig bewegten sie sich. Im Ganzen spielen die Franzosen nicht harmonisch zusammen, sondern besteht aus vielen Einzelgrößen. Das müssen sie ändern. Sie können das besser.
Zeit.de : Bei den Schweizern wäre noch einiges mehr drin gewesen. Warum konnten sie ihre Chancen nicht verwandeln?
Fuss : Der 18-jährige Stürmer Vonlanthen hat ein sehr gutes, aggressives Spiel gemacht. Aber ich glaube den Schweizern fehlt einfach die Erfahrung. Das sieht man etwa an der Ausnutzung der Torchancen. Die Franzosen verwandeln von fünf Torchancen drei - die Schweizer nur eine. Der Treffer der Franzosen hat die Schweizer völlig aus der Fassung gebracht, obwohl sie anfangs wirklich besser und offensiver gespielt haben.
Zeit.de : Noch ein Wort zu den nächsten Spielen?
Fuss : Mein EM-Favorit sind die Franzosen. Morgen hoffe ich dass die Schweden noch mal gewinnen, sie sind mein heimlicher zweiter Favorit. Den Italienern wünsche ich, dass sie langsam aufwachen und anders als bisher zeigen, was sie können. Denn die Italiener können schönen Fußball spielen - und den wollen wir ja sehen.
Das Gespräch führte Carola Padtberg