Tina Theune-Meyer
Foto: RAUCHENSTEINER
Theune-Meyer : Ich höre mir gerade an, was Otto Rehhagel zu dem Spiel sagt - er ist ebenso fassungslos wie wir.
Zeit.de : Kein Wunder - zum ersten Mal in der Geschichte des griechischen Fußballs haben die Griechen ein Finale in einem internationalen Turnier erreicht.
Theune-Meyer : Das ist in der Tat eine Mega-Überraschung. Dahinter werden wohl sogar die olympischen Spiele dieses Jahr zurückstehen. Auch für mich waren die Tschechen die klaren Favoriten. Sie hätten das Spiel in der regulären Spielzeit ja auch entscheiden können. Aber irgendwie haben die Tschechen nicht genug Ideen gehabt, um genügend Druck auf das Tor entwickeln zu können. Sie hatten natürlich ein paar Chancen - wie in der 80. Minute das Doppelpassspiel zwischen Rosicky und Koller - haben diese aber nicht verwandeln können. Aber die Griechen haben wirklich Herz und haben alles gegeben. Damit wurden sie zum Schluss auch richtig torgefährlich.
Zeit.de : Glauben Sie, dass die Griechen mit weniger Angst auf den Platz gegangen sind, weil die Euphorie über das bereits Erreichte schon beflügelt hat?
Theune-Meyer : So große Favoriten wie die Tschechen sind sicherlich befangener. Schon mit dem Erreichen des Halbfinales waren die Griechen im siebten Himmel - und wenn man dann unbefangen an sich glauben kann, ist das immer ein Riesenvorteil.
Zeit.de : Und zusätzlich hatten die Griechen zwei Tage länger Pause.
Theune-Meyer : Das macht auch etwas aus. Den Tschechen hat man schon eine gewisse Müdigkeit angemerkt, vor allem im Mittelfeld. Mir hat an Tschechien vorher so gut gefallen, dass sie so gut nach vorne spielen konnten. Aber heute fehlten die zündenden Ideen, um die typisch tschechische Spritzigkeit sehen zu lassen.
Zeit.de : Die Tschechen hatten außerdem das Pech, das Pavel Nedved früh verletzt vom Spielfeld musste. Wie viel hat das psychisch wie spieltechnisch ausgemacht?
Theune-Meyer : Dass das die Tschechen in ihrem Spiel irritierte und psychisch belastete, hat man gleich nach der Auswechslung gesehen, obwohl es eine Phase war, in der ohnehin nicht so viel lief. Natürlich ist Nedved ein klasse Spieler - Aber ich denke die Tschechen haben genug Männer in der Mannschaft, die diese Lücke hätten füllen und das Spiel entscheiden können - etwa Tomás Rosicky oder Karel Poborsky.
Zeit.de : Otto Rehhagel soll vor dem Spiel gesagt haben: "Wenn wir die ersten 20 Minuten überstehen, können wir es schaffen". Was hat er sich wohl dabei gedacht?
Theune-Meyer : Er meinte damit, dass die Griechen in den ersten Minuten eine Ordnung finden müssen, um danach aus dieser Ordnung heraus zu spielen. Sie haben dann ja auch guten Fußball gespielt und waren nicht nur destruktiv.
Zeit.de : Es war also mehr als das Funktionieren der strikten Manndeckung?
Theune-Meyer : Es war keine absolut strikte Manndeckung, sondern vor allem Räume dichtmachen und auch Gegner bekämpfen. Zur Not halfen sich die Griechen dann auch mal mit Foulspiel aus, das rettete sie über die Zeit. Aber sie haben nicht nur zerstört: Otto Rehhagel hat den offensiven Mann Giannakopulos eingewechselt und in der Verlängerung hatte Griechenland dann eine Chance nach der anderen bis Dellas dann quasi das Golden Goal schoss.
Zeit.de : Nun wird das Finalspiel das gleiche sein wie das Eröffnungsspiel. Bei der Eröffnung hat Griechenland 2:1 gegen Portugal gewonnen. Wie tippen Sie für Sonntag?
Theune-Meyer : Ich tippe auf die Heimmannschaft. Obwohl man jetzt Otto Rehhagel und der Mannschaft alles zutrauen könnte. Sie sind immer gut für ein Tor bei Standards oder auch aus dem Spiel heraus - das haben sie bewiesen. Aber ich traue den Portugiesen auch noch mal eine sehr gute Leistung zu.
Zeit.de : Vielen Dank.
Das Gespräch führte Carola Padtberg